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Mehnersmoos – ‚saufen.‘: Kontrollierter Kontrollverlust mit erstaunlich viel Substanz

Es gibt Alben, die wollen verstanden werden. Andere wollen berühren, provozieren oder eine möglichst große Geschichte erzählen. Und dann gibt es Mehnersmoos. Bei Mehnersmoos geht es zunächst einmal darum, Grenzen einzureißen. Sprachliche Grenzen, geschmackliche Grenzen und gelegentlich vermutlich auch die Belastungsgrenze des eigenen Umfelds. Mit „saufen.“ liefern sie genau das, was man von ihnen erwartet: Alkohol, Sex, Selbsterniedrigung, absurde Vergleiche und eine konsequente Verweigerung jeder Form von Seriosität.

Das wäre allerdings nur die halbe Wahrheit. Denn unter all dem offensichtlichen Unsinn steckt ein Album, das deutlich genauer gebaut ist, als es auf den ersten Blick wirkt. Mehnersmoos haben ihre eigene Sprache mittlerweile so weit entwickelt, dass selbst der größte Blödsinn selten zufällig klingt. Vieles ist bewusst gesetzt, rhythmisch präzise und so überzogen, dass die Übertreibung selbst zum Stilmittel wird. Gerade deshalb funktioniert „saufen.“ besser, als ein Album mit diesem Titel eigentlich funktionieren dürfte.

Der Witz ist nicht die Pointe – sondern der Weg dorthin

Die größte Stärke von Mehnersmoos liegt längst nicht mehr darin, besonders viele anstößige Wörter möglichst schnell in einen Song zu packen. Dafür wäre das Konzept zu einfach. Entscheidend ist vielmehr, wie ihre Texte funktionieren. Mehnersmoos bauen häufig klassische Erwartungshaltungen auf und zerstören sie innerhalb weniger Sekunden. Ein Satz beginnt normal, kippt plötzlich ins Absurde und bleibt genau deshalb hängen. Die Sprache wird dabei nicht einfach nur benutzt, sondern bewusst verbogen.

Redewendungen werden misshandelt, Begriffe falsch zusammengesetzt und Bilder miteinander kombiniert, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben dürften. Eine Zeile wie „Mein Kampfhund hat sein’n eigenen Kampfhund“ ist dafür ein gutes Beispiel. Auf den ersten Blick ist das schlicht Unsinn. Beim zweiten Hören wird aber klar, warum die Line funktioniert: Ein Kampfhund ist bereits ein überzeichnetes Symbol für Härte. Die Steigerung besteht nun darin, dass selbst dieser Kampfhund noch einen eigenen Kampfhund besitzt.

Völlig absurd. Aber innerhalb dieser absurden Logik absolut konsequent. Genau diese Art von Humor beherrschen Mehnersmoos inzwischen bemerkenswert gut. Sie erzählen nicht einfach schlechte Witze. Sie konstruieren schlechte Witze mit erstaunlich gutem Timing.

Dummheit mit System

Das klingt zunächst wie ein Widerspruch, ist aber letztlich der Kern des Albums. Mehnersmoos wirken dumm. Sie schreiben aber nicht dumm. Das ist ein großer Unterschied. Gute Comedy funktioniert ähnlich wie gute Rap-Punchlines. Timing, Rhythmus und Erwartung sind entscheidend. Wer zu früh auflöst, verliert die Pointe. Wer zu spät kommt, ebenfalls. Mehnersmoos spielen genau mit diesem Timing. Bei „Wahnsinn“ zeigt sich das besonders deutlich. Formulierungen wie „Hater sind nur dornige Fans“ wirken zunächst vollkommen falsch. Gleichzeitig versteht man sofort, was gemeint ist.

Das ist der Witz. Die Sprache stolpert, aber sie fällt nicht. Sie landet genau dort, wo sie landen soll. Dieses Prinzip zieht sich durch das Album. Immer wieder entstehen Zeilen, die so wirken, als seien sie spät nachts auf einem Bierdeckel entstanden, aber rhythmisch und sprachlich viel sauberer sitzen, als es der Inhalt vermuten lässt. Darin liegt ein erheblicher Teil des Reizes von „saufen.“.

Hinter dem Alkohol steckt vor allem Verweigerung

Natürlich geht es auf „saufen.“ permanent ums Trinken. Aber Alkohol ist auf diesem Album häufig weniger Thema als Symbol. Er steht für Feierabend, Eskapismus und vor allem für die Ablehnung eines Lebens, in dem jeder Moment optimiert werden muss. Mehr leisten. Früher aufstehen. Gesünder leben. Besser aussehen. Mehr verdienen. Mehr schaffen. Mehr aus sich machen. Mehnersmoos reagieren auf diese Welt mit konsequenter Verweigerung. Die Gegenposition lautet nicht besonders komplex.

Sie lautet sinngemäß: Was, wenn wir einfach keinen Bock darauf haben? Das ist keine tiefgehende Gesellschaftstheorie und sollte auch nicht als solche gelesen werden. Trotzdem steckt darin ein Grundgefühl, das viele Menschen kennen. Die permanente Erwartung, produktiver, fitter, erfolgreicher und kontrollierter zu werden, wird bei Mehnersmoos einfach ins Gegenteil gedreht. „Wein ist mein Gemüse“ ist deshalb mehr als ein schneller Ernährungswitz. Natürlich ist die Zeile albern.

Aber sie trägt gleichzeitig die gesamte Haltung des Projekts in sich. Die Welt sagt Salat. Mehnersmoos sagen Wein. Damit ist das Thema für sie erledigt.

„Ausländer“ zeigt, wie gut der Humor funktionieren kann

Besonders interessant wird das Album dort, wo der offensichtliche Unsinn gesellschaftliche Themen berührt. „Ausländer“ ist dafür vermutlich das beste Beispiel. Die bekannte Parole, Ausländer würden „uns die Jobs wegnehmen“, wird nicht klassisch widerlegt. Mehnersmoos machen etwas viel Einfacheres. Sie drehen die Perspektive um. Die Frage lautet plötzlich nicht mehr, ob jemand den eigenen Job wegnimmt, sondern wann es endlich passiert. Denn dann müsste man selbst nicht mehr arbeiten.

Der Witz funktioniert auf zwei Ebenen. Vordergründig ist es eine typische Mehnersmoos-Pointe: möglichst faul sein und möglichst viel trinken. Darunter wird allerdings eine bekannte politische Parole so konsequent weitergedacht, dass ihre Logik ins Lächerliche kippt. Das ist genau die Art von Satire, die zu Mehnersmoos passt. Kein langer Vortrag. Kein erhobener Zeigefinger. Keine Erklärung. Ein kurzer Perspektivwechsel reicht. Und gerade deshalb wirkt der Song stärker als viele Stücke, die gesellschaftliche Haltung deutlich offensiver formulieren.

Anti-Macho statt klassischer Rap-Flex

Auch das Männlichkeitsbild auf „saufen.“ ist interessanter, als es zunächst scheint. Die Themen wirken auf dem Papier sehr klassisch. Sex, Alkohol, Prahlen, Körper, Eskalation. Trotzdem stellen Mehnersmoos sich selbst erstaunlich selten als klassische Gewinnerfiguren dar. Im Gegenteil. Sie sind häufig die größten Verlierer ihrer eigenen Geschichten. Andere Rapper erzählen vom Penthouse. Mehnersmoos erzählen eher vom Fliesentisch. Andere rappen über Luxusuhren, Autos und Status. Hier wirkt es gelegentlich schon wie ein Erfolg, wenn der Pfandautomat noch geöffnet hat.

Das ist ein entscheidender Unterschied. Mehnersmoos zerstören ihre eigene Coolness permanent selbst. Damit entsteht eine Art Anti-Flex. Sie machen sich nicht größer. Sie machen sich kleiner. Und genau dadurch wirken sie oft nahbarer als viele klassische Rap-Kunstfiguren. Ihre Musik sagt nicht: „Schau, wie überlegen ich bin.“ Sie sagt eher: „Schau, was für ein Idiot ich bin.“ Das hat erstaunlich viel Charme.

„Nachteule“ als perfektes Mehnersmoos-Bild

„Nachteule“ ist wahrscheinlich einer der Songs, die das gesamte Prinzip am besten zusammenfassen. Der Titel könnte problemlos Teil eines melancholischen Großstadtsongs sein. Man denkt an leere Straßen, Neonlicht, Einsamkeit und nächtliche Gedanken. Bei Mehnersmoos dauert es nicht lange, bis diese Vorstellung vollständig zerstört wird. Aus der romantischen Nachteule wird eine Figur zwischen Alkohol, schlechten Entscheidungen und Selbstbeleidigung. Eine Zeile wie „Mein Kopf ist groß und dumm wie Amerika“ zeigt dabei ziemlich gut, warum die Texte funktionieren.

Der Satz ist simpel. Aber er transportiert gleichzeitig Selbstironie, politische Spitze und ein klares Bild. Mehr braucht es oft nicht. Mehnersmoos erklären selten. Sie setzen Bilder. Pointe. Weiter. Gerade dadurch haben viele Songs einen relativ hohen Wiederhörwert. Beim ersten Durchgang bleibt die offensichtlichste Line hängen. Beim zweiten entdeckt man kleinere Nebenwitze und Wortspiele. Beim dritten fällt möglicherweise erst auf, wie sauber einzelne Formulierungen rhythmisch gebaut sind.

Das Album funktioniert deshalb besser, wenn man es nicht nur einmal nebenbei hört.

Musikalisch längst mehr als Comedy-Rap

Dass „saufen.“ über seine Laufzeit funktioniert, liegt allerdings nicht nur an den Texten. Musikalisch ist Mehnersmoos inzwischen deutlich breiter aufgestellt. Ein Album voller ähnlicher Themen würde schnell ermüden, wenn auch die Produktionen ständig nach demselben Muster funktionieren würden. Genau das passiert hier nicht. Cosmic Hamza prägt stärker raporientierte Momente, bei denen die Stimmen und Punchlines im Vordergrund stehen. Die Drunken Masters bringen dagegen deutlich mehr elektronische Energie und Live-Druck in das Album.

Dadurch entstehen unterschiedliche Dynamiken. Einige Songs funktionieren vor allem über Text und Rhythmus. Andere sind klar darauf ausgelegt, in einer vollen Halle zu eskalieren. „Saufen ist die geilste Sau“ ist dafür das offensichtlichste Beispiel. Gemeinsam mit K.I.Z und Drunken Masters entsteht ein Track, der nicht nur als Comedy-Nummer funktioniert, sondern auch musikalisch genug Druck besitzt, um unabhängig vom Text zu bestehen. Und genau das ist eine der größten Entwicklungen bei Mehnersmoos.

Die Musik ist nicht mehr nur Träger des Witzes. Sie funktioniert inzwischen selbst. Der Humor holt den Hörer ab. Die Produktion sorgt dafür, dass man bleibt.

K.I.Z passen exakt in diese Welt

Dass K.I.Z auf diesem Album auftauchen, wirkt deshalb keineswegs zufällig. Beide Acts verbindet ein ähnliches Verständnis davon, wie Provokation funktionieren kann. Geschmacklosigkeit allein ist keine Pointe. Ein Tabubruch ist nicht automatisch clever. Entscheidend ist, warum etwas gesagt wird und was der Satz auslöst. K.I.Z beherrschen dieses Spiel seit Jahren. Mehnersmoos haben ihre eigene, deutlich stärker alkoholgetränkte Version davon entwickelt. Deshalb wirken die gemeinsamen Momente nicht wie klassische Feature-Platzierungen.

Sie passen inhaltlich und stilistisch. Beide können einen Satz maximal geschmacklos formulieren und trotzdem noch eine zweite Ebene darunter platzieren. Genau diese Mischung macht die Zusammenarbeit glaubwürdig.

Freundschaft als eigentlicher Kern

Vielleicht ist es deshalb auch kein Zufall, dass das Album mit „Bester Freund“ endet. Hinter allem, was Mehnersmoos machen, steckt letztlich eine ziemlich simple Grundlage. Freundschaft. Zwei Menschen bauen gemeinsam eine Welt. Sie entwickeln Running Gags, überschreiten Grenzen, machen sich selbst lächerlich und leben von der gemeinsamen Dynamik. Das klingt banal. Ist aber wahrscheinlich einer der wichtigsten Gründe dafür, warum das Projekt funktioniert. Die Beziehung zwischen den beiden wirkt nie konstruiert.

Man nimmt ihnen ab, dass diese Musik aus gemeinsamer Energie entsteht. Dadurch bekommt selbst ein Album namens „saufen.“ am Ende etwas fast Warmes. Nicht sentimental. Nicht kitschig. Aber ehrlich. Im Kern geht es vielleicht weniger ums Trinken, als der Titel vermuten lässt. Es geht darum, gemeinsam schlechte Ideen zu haben. Gemeinsam Grenzen zu überschreiten. Und jemanden zu finden, der denselben Humor versteht. Das ist möglicherweise die zugänglichste Ebene des Albums.

Die Formel funktioniert nicht immer

Trotzdem ist „saufen.“ nicht frei von Schwächen. Das eigene Konzept setzt Mehnersmoos klare Grenzen. Wer ihren Humor bereits vorher nicht mochte, wird dieses Album kaum als Einstiegspunkt nutzen können. 41 Minuten Alkohol, Sex, Körperteile und absichtliche Geschmacklosigkeit können ermüden. Auch dann, wenn vieles davon clever konstruiert ist. Nicht jede Pointe sitzt gleich gut. Nicht jeder Song entwickelt dieselbe Energie. Und gerade weil einige Stücke extrem stark sind, fallen schwächere Momente schneller auf.

Die Formel ist außerdem mittlerweile bekannt. Man ahnt gelegentlich, in welche Richtung die nächste Pointe geht. Sobald dieser Überraschungseffekt fehlt, wird der Humor automatisch schwächer. Das ist kein gravierendes Problem, aber ein reales. Mehnersmoos sind am stärksten, wenn man nicht weiß, was als Nächstes passiert. Wenn der Witz vorhersehbar wird, verliert das Konzept einen Teil seines Reizes.

Warum man das Album trotzdem laut hören sollte

Bei all der Analyse sollte man eines nicht vergessen. „saufen.“ ist kein Album, das man studieren muss. Es ist keine Platte, die verlangt, dass jede Zeile entschlüsselt wird. Man kann sie auch einfach laut machen. Im Auto. Mit Freunden. Vor dem Ausgehen. Nach dem Ausgehen. Oder auf irgendeiner nächtlichen Fahrt, bei der niemand mehr genau weiß, wie der Abend eigentlich in diese Richtung geraten ist.

Die Produktionen drücken. Die Hooks bleiben hängen. Die Texte liefern genug Momente, bei denen man automatisch noch einmal zurückspult. Genau darin liegt die größte Stärke des Albums. Es funktioniert auf mehreren Ebenen. Wer nur eskalieren will, bekommt genug Material. Wer genauer hinhört, entdeckt darunter deutlich mehr, als man bei einem Album namens „saufen.“ erwarten würde. Das ist wahrscheinlich die beste Beschreibung dieser Platte. Sie verlangt nichts.

Aber sie belohnt Aufmerksamkeit.

Fazit

„saufen.“ verkauft sich konsequent dümmer, als es ist. Vordergründig liefert das Album alles, was man von Mehnersmoos erwartet: Alkohol, Sex, Übertreibung, Tabubrüche und einen Humor, der keinen besonderen Wert auf gesellschaftliche Akzeptanz legt. Darunter steckt allerdings erstaunlich viel Kontrolle. Die Texte funktionieren durch Timing, Wortspiele, absurde Logik und eine sehr eigene Sprache. Themen wie Arbeit, Selbstoptimierung, Männlichkeit, Politik und Freundschaft tauchen immer wieder auf, ohne dass das Album je versucht, daraus große Botschaften zu machen.

Genau das tut ihm gut. Mehnersmoos müssen nicht tiefgründig wirken. Sie sind am besten, wenn die zweite Ebene eher nebenbei entsteht. Musikalisch ist das Duo inzwischen ebenfalls weit genug entwickelt, dass die Songs auch dann tragen, wenn man den Humor kurz ausblendet. Das macht „saufen.“ zu mehr als einer Sammlung von Gags auf Beats. Es ist eine Platte mit klarer Identität, eigener Sprache und ziemlich viel Energie.

Nicht jede Pointe trifft. Nicht jeder Song bleibt gleich stark hängen. Aber das Gesamtbild funktioniert. Vor allem deshalb, weil Mehnersmoos verstanden haben, dass Tiefgang und kompletter Schwachsinn sich nicht ausschließen müssen. Manchmal können beide problemlos nebeneinander existieren. Oder eben gemeinsam an der Theke stehen. Wer „saufen.“ bisher nur als nächste Platte voller Bier- und Sexwitze abgestempelt hat, sollte noch einmal genauer hinhören. Am besten laut.

Denn zwischen all dem kontrollierten Kontrollverlust steckt eines der eigenständigsten Rap-Alben, die man derzeit aus Deutschland bekommen kann. Komplett bescheuert. Aber ziemlich gut.

Bewertung: 8,5 von 10 Punkten

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Lorenz Höffner

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