Fotocredit: Marcel Brell

Matthias Reim kriegt die Vergangenheit nicht „Aus meinem Kopf“

Der Kopf weiß, dass es vorbei ist. Das Herz weigert sich, diese Tatsache anzuerkennen. Zwischen beiden beginnt jener zermürbende Kampf, den Matthias Reim seit Jahrzehnten so glaubwürdig besingt wie kaum ein anderer Künstler. Mit seiner neuen Single „Aus meinem Kopf“ kehrt er genau dorthin zurück – und braucht nur zwei Worte, um eine Brücke zu seinem größten Hit zu schlagen: „Verdammt“ und „immer noch“.

„Verdammt, ich lieb’ dich immer noch“, heißt es im Refrain. Das ist mehr als eine leicht erkennbare Anspielung. „Aus meinem Kopf“ wirkt wie eine späte Fortsetzung jener emotionalen Zerrissenheit, mit der Reim 1990 seinen Durchbruch feierte. Damals schwankte der Erzähler zwischen Liebe und Ablehnung. Heute ist die Beziehung offenbar endgültig gescheitert – doch innerlich ist noch immer nichts abgeschlossen.

 

Wenn die Trennung im Alltag ankommt

Der neue Song bleibt nicht bei einer allgemeinen Beschreibung von Liebeskummer stehen. Er führt mitten hinein in die unangenehme Wirklichkeit nach dem Ende einer Beziehung: ziellose Wege durch die Straßen, Bilder an der Wand und die Frage, wann die ehemalige Partnerin ihre Sachen abholen kann.

Gerade diese alltäglichen Beobachtungen verleihen dem Titel seine Wirkung. Während die eine Person bereits organisatorisch mit der Vergangenheit aufräumt, kämpft die andere noch um emotionales Überleben. Für sie geht es nur um ein paar zurückgelassene Gegenstände. Für ihn steht plötzlich die gesamte gemeinsame Geschichte vor der Tür.

Matthias Reim erzählt diese Situation ohne poetische Umwege und ohne den Versuch, seinen Protagonisten besonders souverän erscheinen zu lassen. Dieser Mann ist verzweifelt, verletzt und mit der Trennung vollkommen überfordert. Er schreit um Hilfe, obwohl die andere Person längst aufgelegt hat. Genau diese ungeschützte Offenheit gehört seit jeher zu Reims größter Stärke.

 

Gitarren gegen den Stillstand

Musikalisch bleibt „Aus meinem Kopf“ nicht in der Erstarrung seines Erzählers stecken. Ein treibender Beat, druckvolle Drums und markante Gitarren drängen den Song unaufhörlich nach vorne. Dadurch entsteht ein reizvoller Gegensatz: Die Musik bewegt sich, während der Protagonist gedanklich auf der Stelle tritt.

Reims raue Stimme gibt den Zeilen dabei jene Glaubwürdigkeit, die sich nicht allein durch Produktion herstellen lässt. Er interpretiert den Liebeskummer nicht aus sicherer Entfernung, sondern klingt, als stecke er selbst mitten in dieser Nacht, in dieser Wohnung und in diesem kaum auszuhaltenden Moment.

Der Refrain setzt bewusst auf Wiederholung. Was auf dem Papier beinahe zwanghaft wirkt, bildet musikalisch genau den Zustand ab, von dem der Song erzählt: Die Gedanken drehen sich im Kreis. Die geliebte Person verschwindet nicht, weil der gleiche Satz im Kopf immer wieder von vorn beginnt.

 

Ein Flashback mit Konsequenz

„Aus meinem Kopf“ ist deshalb weit mehr als ein nostalgischer Verweis auf „Verdammt, ich lieb’ Dich“. Der Titel nutzt Reims musikalische Vergangenheit, um seine heutige Künstlerpersönlichkeit zu schärfen. Er versucht nicht, den großen Erfolg von damals zu kopieren. Stattdessen schreibt er dessen emotionalen Kern weiter.

Damit passt die Single konsequent zum Titel des kommenden Albums „Flashback“. Die Rückschau wird nicht zum bloßen Blick ins Fotoalbum, sondern zum Ausgangspunkt für eine neue Geschichte. Vergangenheit und Gegenwart begegnen sich in einem Song, der vertraut klingt, ohne vollständig rückwärtsgewandt zu sein.

Matthias Reim erfindet sich mit „Aus meinem Kopf“ nicht neu. Das muss er auch nicht. Er zeigt vielmehr, weshalb seine direkt erzählten Geschichten über Liebe, Verlust und persönliche Niederlagen bis heute funktionieren: weil bei ihm selbst die größte Verzweiflung noch genügend Kraft für laute Gitarren besitzt.

„Aus meinem Kopf“ ist seit dem 21. August 2026 erhältlich. Das Album „Flashback“ mit 15 neuen Studioaufnahmen erscheint am 18. September 2026 als CD im Digipack, Fotobuch-Edition mit CD, Vinyl sowie digital.

Hitbarometer-Fazit: „Aus meinem Kopf“ verbindet Matthias Reims musikalische Vergangenheit geschickt mit der Gegenwart. Die bewusste Nähe zu seinem größten Hit ist unüberhörbar, doch der Song verlässt sich nicht allein auf Nostalgie. Konkrete Alltagsszenen, ein hartnäckiger Refrain und der kraftvolle Gitarrensound machen daraus einen überzeugenden Vorboten für „Flashback“.

Bewertung: 9 von 10 Punkten

Bild von Andreas Breitkopf

Andreas Breitkopf

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