Howard Carpendale in Gelsenkirchen: Zwei Stunden, die die Welt ein wenig besser machen
Wolken über dem Amphitheater, ein voll besetztes Rund und ein Künstler, der auch mit 80 Jahren noch ganz genau weiß, warum er auf der Bühne steht: Howard Carpendale bescherte seinen Fans in Gelsenkirchen einen ebenso unterhaltsamen wie emotionalen Sommerabend. Und selbst der drohende Regen musste sich am Ende dem straffen Zeitplan des Sängers beugen.
Pünktlich um 20 Uhr betritt Howard Carpendale mit seiner großen Band die Bühne des Amphitheaters. Das Publikum hat zu diesem Zeitpunkt längst nicht nur die Ränge und den Bereich vor der Bühne gefüllt. Auch auf der gegenüberliegenden Seite des Rhein-Herne-Kanals haben es sich zahlreiche Zuschauer gemütlich gemacht, um zumindest aus der Ferne etwas von dem Konzert mitzuerleben.

Foto: Gerhard Wingender Fotografie
Und auch der Schiffsverkehr wird an diesem Abend Teil der Show: Als ein Schiff hinter der Bühne vorbeifährt und der Kapitän sein Horn erklingen lässt, ist die Aufmerksamkeit für einen kurzen Moment geteilt. Carpendale, Band und Publikum nehmen die ungeplante Einlage mit Humor – im gesamten Amphitheater wird herzlich gelacht. Eine jener kleinen Begebenheiten, die sich nicht inszenieren lassen und gerade deshalb lange in Erinnerung bleiben. Zumal auch bei seinem letzten Konzert im Amphitheater ein Schiff vorbei kam, berichtet der Sänger, der von sich selbst sagt, er sei kein alter Mann – er sei ein junger Mann, der viele Jahre gelebt habe.
„Ich komme aus Südafrika – aber ich war früher da“
Für einen weiteren Lacher sorgt ein Pärchen aus Bottrop, das erst nach Beginn des Konzerts seinen Platz in der ersten Reihe erreicht. Der gut gelaunte Howard Carpendale lässt sich die Gelegenheit für eine spontane Bemerkung nicht entgehen. „Ihr kommt aus Bottrop und seid zu spät. Ich komme aus Südafrika und war trotzdem vor Euch da.“
Solche Momente zeigen, warum Carpendale sein Publikum seit Jahrzehnten erreicht. Er steht nicht einfach auf der Bühne und singt sein Programm herunter. Er beobachtet, reagiert und sucht immer wieder den unmittelbaren Kontakt zu den Menschen. Dabei wirkt vieles persönlich und auch spontan. So auch bei einer älteren Dame, die aufgrund verschiedener Einschränkungen beim Einnehmen ihres Platzes auf Unterstützung angewiesen ist. Howard Carpendale sieht sie, bedankt sich, dass sie gekommen ist und zollt ihr seinen Respekt, indem er mit dem nächsten Titel wartet, bis sie auf ihren Platz sitzt.

Foto: Gerhard Wingender Fotografie
Musikalisch bietet der Abend die große Carpendale-Bandbreite: bekannte Melodien, emotionale Balladen und jene Hits, bei denen schon die ersten Takte genügen, um alle Stimmen zum Mitsingen zu bringen – die im Amphitheater und auch die auf der anderen Seite des Kanals. Das Publikum im Amphitheater hält es bald nicht mehr auf den Plätzen und Zaungäste auf der anderen Seite des Kanals nicht mehr auf Ihren Picknickdecken. Alle stehen auf, klatschen, winken und feiern gemeinsam mit dem Sänger und seiner hervorragend besetzten, 12-köpfigen Band.
Bewegender Abschied von Dolly Parton
Einen besonders bewegenden Augenblick widmet Howard Carpendale der kurz zuvor verstorbenen Country-Legende Dolly Parton. Erst am Vorabend hatten sich Carpendale und seine Musiker dazu entschieden, einen ihrer bekanntesten Songs kurzfristig in das Programm aufzunehmen: „Islands in the Stream“, 1983 durch Dolly Parton und Kenny Rogers zum Welthit geworden.
Gemeinsam mit seiner Backgroundsängerin Bella Wilhayn wagt sich Carpendale an das berühmte Duett. Zu Beginn hält er noch ein Blatt mit dem Text in den Händen, doch spätestens mit dem Einsetzen des Refrains ist diese Gedächtnisstütze nicht mehr nötig. Der Text sitzt! – bei den beiden Sängern ebenso wie beim Publikum.

Foto: Gerhard Wingender Fotografie
erweist sich dabei als großartige Duettpartnerin. Ihre kraftvolle und zugleich warme Stimme harmoniert wunderbar mit der Carpendales. Ihre gemeinsame Interpretation muss den Vergleich mit dem Original von Dolly Parton definitiv nicht scheuen. Das Publikum winkt im Takt und macht aus dem spontan einstudierten Titel einen emotionalen Höhepunkt des Abends.
Keine Pause – damit alle trocken nach Hause kommen
Neben Dolly Parton spielt auch das Wetter an diesem Sommerabend eine nicht ganz unwichtige Rolle. Weil Regen droht, kündigt Howard Carpendale direkt zu Konzertbeginn an, er wolle auf die ursprünglich vorgesehene Pause verzichten, damit die Besucher möglichst trocken nach Hause kommen. „Ich bin mal gespannt, ob ich das durch halte“ schmunzelt er.
Eine Entscheidung ganz im Sinne des Publikums, wobei der 80-jährige Sänger tatsächlich aber zu keinem Zeitpunkt den Eindruck vermittelt, dass ihm die Energie ausgehen könnte.

Foto: Gerhard Wingender Fotografie
Im Gegenteil: Er singt, erzählt, scherzt und bewegt sich mit sichtlicher Freude über die Bühne. Hinter ihm sorgt die 12-köpfige Band für einen druckvollen und kristallklaren Sound, der mit dieser besonderen Kulisse direkt am Wasser den Abend komplett macht.
Warum Howard Carpendale noch immer singt
Kurz vor dem Ende wird es noch einmal sehr persönlich. Carpendale erklärte seinem Publikum, weshalb er auch in seinem Alter weiterhin auf der Bühne steht:
„Das ist der Grund, warum ich noch singe. Weil ich glaube, dass ich auch in meinem Alter die Welt für zwei Stunden noch ein wenig besser machen kann.“

Foto: Gerhard Wingender Fotografie
Das wirkt wie ein ehrliches Bekenntnis. Denn an diesem Abend im Gelsenkirchener Amphitheater hat Carpendale genau das geschafft. Mit seiner Musik dem Publikum für zwei Stunden den Alltag, ihre Sorgen und auch die dunklen Wolken über der Bühne in den Hintergrund zu rücken. Die Menschen danken es ihm mit viel Applaus und lautstarken Zugaberufe, die durch das Amphitheater hallen. Das beweist: Howard Carpendale ist nicht nur „noch immer mittendrin“. Er gehört weiterhin dorthin, wo er sich seit Jahrzehnten am wohlsten fühlt – auf die Bühne, vor sein Publikum.
Und sogar der Regen hat am Ende offenbar Respekt vor so viel Erfahrung: Die Zuschauer können den Heimweg weitgehend trocken antreten.






